Hochsensibel/Hochempathisch

Hochsensibel – Fluch oder Gabe? Erkenne Dich und mache es zu deinem Kapital.

Obwohl es mir recht schwer fällt über das Thema Hochsensibilität zu schreiben, fühle ich einen starken Impuls in diese Richtung, denn ich habe öfters KlientInnen, die hochsensibel/hochempathisch/hochbegabt sind und aus Unwissenheit darüber mit sehr viel Stress, (physischen) Problemen und vor allem Selbstzweifeln zu kämpfen haben. Das möchte ich versuchen zu lindern, denn es ist eine grosse (Auf-) Gabe, die, wenn erkannt, für Dich unglaublich gnadenreich sein kann! Und ja, es ist auch eine Aufgabe, die angenommen werden möchte.

Es fällt schwer darüber zu schreiben da es etwas ist, das ich selbst als eher plastisch/gefühlt erlebe als in Worten. Worte lassen es da sehr reduziert erscheinen. Und auch das beschreibt an sich schon wie es Hochsensiblen oftmals geht: Die Wahrnehmung ist so fein und vertieft, so post-verbal, dass es unglaublich schwer fällt das Erleben in die dichte Materie von Worten zu drängen; und das auch noch mit der heute eingeforderten Schnelligkeit, die eigentlich nur ein Zeichen dafür ist, wie wenig wir mit uns und unserer Sprache verbunden sind und wie wenig wir uns wirklich einlassen können.

Reichhaltiges inneres Potential
Menschen mit einem so feinen (Nerven-)System nehmen sehr viel mehr wahr und auf als ihre Mitmenschen. Sie haben somit ein reichhaltiges inneres Potential, denn – oftmals gepaart mit einer hohen Intelligenz – erkennen sie Zusammenhänge, Probleme oder was sich hinter der Oberfläche verbirgt sofort. Sie spüren und wissen von vielen Ebenen gleichzeitig. Vielleicht wie eine Art Spezial-3D Filter.

Unbewusste HSP – Versagergefühl, Verstecken & Rückzug als einzige Möglichkeit.
Früher habe ich einfach nur den Mund gehalten und mich damit ‘gequält’, was ich wahrnehme. Ich muss ‘komisch’ sein! Ich bin dann einfach verschwunden, in mich hinein. Aber richtig gut war das nicht. ‘Was hat sie denn jetzt schon wieder?!’ Manchmal sass ich zwischen 2 Menschen und nahm so viel unterdrückte Wut war, dass ich in Tränen ausbrach und nur noch rausrennen konnte, damit ich keine Panikattacke bekam.

Wenn Du Dir Deines Wesens nicht bewusst bist oder Du gar keine Kenntnis über Hochsensibilität hast, geht es Dir wohl ähnlich. Du fühlst Dich oft als Versager, als ‘krank’. Du fühlst Dich ‘unfähig’ in dieser Gesellschaft zu leben: Warum bin ich so ‘schwach’? Warum habe ich keine Ausdauer? Wie soll das bloss werden, ich muss doch arbeiten? Das Selbstwertgefühl liegt bei unter null. Und genau wie alle anderen Menschen wollen HSPs doch auch einfach nur dazu gehören und angenommen sein. Dann schwimmst Du oft einfach mit und forderst Dich selbst heraus – bis es nicht mehr geht.
Das Pendel von Euphorie zu Depri, High zu total erschöpft schlägt immer stärker aus, ohne dass wir es anhalten können.

Physisch zeigt sich das oftmals in tiefer Müdigkeit und grosser Erschöpftheit. Als wäre man an einer Steckdose angeschlossen, die alles von einem abzapft. Oder auch in einem Zustand der Übererregtheit, die entweder zu Panik oder zu weiter ‘pushen’ führt.

Durch die intensive & feine Wahrnehmung von allem und jedem um Dich herum, musst Du Dich oft schützend zurück ziehen um Dich vor noch mehr Reizüberflutung abzuschotten und das Aufgenommene zu verarbeiten. Nur so wird es meist möglich wirklich zu entspannen und ein stückweit dein eigenes Selbst zu spüren!
Ich bin eine Einzelkämpferin in meiner Selbstständigkeit. Ich bin dies gern, weil es mir erlaubt so zu arbeiten wie es mir entspricht. Mir ist aber auch klar geworden, dass ich einfach Angst vor (erneuter) Überwältigung und Manipulation hatte. Das mir wieder mein eigenes Selbst so ‘abgeschwätzt’ wird, damit ich endlich ‘passe’ und funktioniere und Katrin sich wieder so anpasst, dass es ‘gerade so’ zum Leben reicht.

Duchschnittlichkeit trotz Hochbegabung
Wenn es um Prüfungen oder Ähnliches geht, zeigt sich hier manchmal Durchschnitt-lichkeit. Ja genau! – Obwohl Du vielleicht einen Hochbegabungs IQ hast! Aber oft kann ein HSP sein/ihr ganzes Potential nicht zeigen. Zum einen weiss er vielleicht nicht wie, zum anderen fehlt manchmal der Mut.

Ich bin in der Schule so mitgeschwommen. Für mich war sie ein Horror. Da habe ich die Strategie gelernt mich so anzupassen, dass es reicht. Wenn ich das jetzt schreibe werde ich immer noch ganz traurig. Nach dem Abi von 2,7 hat eine (sehr nette) Psychologin einen IQ Test mit mir gemacht. Ihr Kommentar war:” Was ist in der Schule falsch gelaufen?” Denn mein Ergebnis war Hochbegabung. Mir hat das zu dem Zeitpunkt zwar keine Klarheit gegeben, aber es gab’ zum ersten Mal so ein Gefühl von Erleichterung, denn die LehrerInnen gaben mir manchmal eher den Eindruck, dass ich einfach nur ‘simpel’ bin. Viele machen sich über die Waldorfschulen noch lustig, aber ganz ehrlich: Ich hätte gerne meinen Namen getanzt! Wäre es insgesamt so viel besser gewesen? Who knows?! Das ist auch egal, denn die eigene Geschichte ist wie sie ist und im Endeffekt dient sie Dir auch.

HSPs & die anderen
Das Versager/Isolations-Gefühl kann manchmal noch verstärkt werden, wenn es Dir zurück gespiegelt wird, denn ein hochsensibler Mensch kann auf die Aussenwelt schon ‘komisch’ wirken, überspannt oder fast autistisch, denn diese Wahrnehmungsintelligenz erscheint in unserer heutigen Gesellschaft fast naiv* oder sogar dümmlich. Auch aufgrund der Entschleunigung & Verlangsamung, mit der ein Hochsensibler, der sich selbst verstanden hat, spricht und daher versucht Wesen und Sprache in Einklang zu bringen.

Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich eine Vorlesung in den USA hielt. Ein Student meldete sich und fragte mich etwas. Ich antwortete nicht inhaltlich auf seine Frage, sondern spiegelte sie ihm nur zurück. Eine andere Professorin, die zusammen mit einer Kollegin von mir anwesend war, fragte meine Kollegin: ‘Hat sie die Frage nicht verstanden?!’ Und das ist nur eine der wenigen Situationen und ein sehr harmloses Beispiel. Es kann aber auch schon mal ein Aschenbecher in Deine Richtung fliegen, wenn Deine Wahrnehmung auf die Wunde unter der Oberfläche zeigt. Es kann aber auch zu tiefst heilsam sein, für den anderen und Dich als HSP selbst – zum Beispiel dann wenn sich ein Verstorbener meldet und dabei hilft etwas Ungelöstes zu erlösen.

Irritation & Ablehnung
Sprichst Du als hochsensibler Mensch aus, was Du wahrnimmst, kann das u.a. zu Irritation/Ablehnung oder Ausgrenzung führen. Denn oftmals triffst Du mit dem Finger mitten in das, was versteckt werden soll und was diejenigen versuchen hinter Sprache oder abwehrendem Verhalten zu verstecken (ohne das sie oftmals wissen, das sie etwas zu verstecken versuchen.) Wir treffen da auf ‘den Panzer’ der anderen. Der Panzer dient dem Schutz vor Verletzlichkeit, den eigenen unangenehmen Gefühlen und unserem Schatten. Er setzt sich also aus bestimmten Verhaltensweisen zusammen. (Bsp.: Immer lächeln, immer fleissig sein, laut & schnell sein, jammern, Macho-Gehabe etc. Auf dieser Ebene wird “aus Lachen Gegacker”.) Der Panzer wird mit sogenannten ‘Shame Shields’ (Brene Brown) verteidigt: 1) Attacke, 2) Rückzug oder 3) immer versuchen dem/den anderen es recht zu machen und zu gefallen. Brene Brown beschreibt die Shame Shields als ‘Strategies of disconnection’. Wir begegnen uns also so gut wie nie wirklich. Und das gilt für uns alle.

Das verstärkt das Gefühl der Isolation. Das verstärkt den Rückzug. Das verstärkt das ‘Mund-Halten’ von dem Wahrgenommen. ‘Man flutscht’ so durch. Ja – ein hochsensibler Mensch legt sich eben auch einen Panzer an und arbeitet dann wie viele andere daran ihn transparent zu machen, um sich ganz zu leben.

Symbiose & Grenzen setzen- Hochsensible Menschen – Zuhörer, Vermittler, Lastentragende

HSPs verlieren sich oft selbst: Wo fange ich an, wo höre ich auf? Was ist meins, was ist das der anderen? Viele meiner hochsensiblen KlientInnen kennen dies. Sie waren/sind oftmals sehr symbiotisch mit ihren Eltern oder einem Elternteil verbunden; oft zeigt sich hier tatsächlich auch, dass die Eltern diese ‘Gabe’ unbewusst genutzt haben, denn die Hochsensiblen sind gute Vermittler, Zuhörer, Mittragende, des anderen Last tragende….

Hier liegt auch ihr Kapital, aber das funktioniert nur wenn sie sich selbst erkannt haben, ansonsten droht evtl. das ‘Helfersyndrom’ und ein Burnout, denn viele HSPs haben gar kein Gefühl dafür was sie wirklich wollen oder brauchen…weil sie so bei den anderen sind.

Andere Menschen ‘nutzen’ den Hochsensiblen oft als Puffer, denn es fühlt sich gut an in ihrem Feld zu sein. Der Hochsensible fühlt sich auch zunächst gut damit, denn über das Mittragen des anderen erfährt er Anerkennung und gebraucht sein. Aber wie jeder Mensch ist ‘sich zugehörig fühlen’, gemocht und gesehen werden ein tiefes Grundbedürfnis.
So lange bis der HSP sich seiner eigenen Bedürfnisse bewusst wird und entscheidet mal klar auszusprechen was er wahrnimmt bzw. das die Beziehung für ihn sehr einseitig ist.

Die andere Seite reagiert dann oft mit Wut, Ablehnung, Bedrohung. Vor allem dann wenn die Beziehung nicht ‘auf Augenhöhe’ gelebt wird, sondern um die Leere eines anderen zu füllen.

Eine Klientin von mir hat in ihrem Prozess festgestellt, wie viele ihrer Freundschaften eigentlich nur noch deswegen existieren, weil sie sie mitträgt. Sprich’, sie fühlt sich nach jedem Treffen ausgelaugt und braucht Rückzug. Das hat natürlich (auch) mit ihr selbst und ihrem Muster zu tun: Wenn ich mich zeige, mag’ mich vielleicht niemand mehr. Es liegt also auch an ihr, sich darin zu üben sich zu zeigen. Vor allem wenn es in der Kindheit ein ‘Überlebensmuster’ war genau das nicht zu tun.

Bewusste HSPs: Empfinden von tiefer Freude, Lasten tragen nicht als Last sondern als wertvoller Auftrag.
Hochsensible haben eine enorme Kapazität vertiefte Gegenwart zu leben, eine tiefe und kindlich-naive Freude am Mensch-Sein. Weiter oben habe ich naiv mit einem Sternchen gekennzeichnet, denn naiv wird in der Mainstream Gesellschaft als ‘negativ’ bewertet, aber für mich bedeutet es etwas völlig anderes: Offenheit, an das Gute glaubend, das Schöne sehend, Im Herzen statt im Kopf (Mehr hier: http://www.cranio-sacral-berlin.eu/ich-bin-eine-extreme-zwanghafte-naive-alle-aufhaltende-zu-ernste-und-nicht-bei-einem-bleibende-im-dreck-wuehlerin-und-du/)

Erfolg ist wenn Du Dir selbst folgst, denn so leistest Du einen Beitrag ohne etwas zu leisten. Du leistest durch Dein Da-Sein. Durch Deinen Mut in Dir selbst zu stehen und somit Spiegel zu sein statt Dich im Machtspiel der Shame Shields (Rückzug, Angriff, immer gefallen) einzuklinken. Und ja auch indem Du ‘Lasten trägst’.

Was helfen kann:

1) Information & Erkenntnis:

Heutzutage gibt es schon viel mehr Möglichkeiten sich zu informieren als früher. Beim Lesen von Büchern oder Webseiten hochsensibler Menschen erlebt man viele AHA-Effekte. Das kann ermutigend und bestärkend sein. ” Ja genau! So geht es mir auch! Ich bin nicht allein!” Es gibt mittlerweile auch Gruppen, Workshops und/oder Facebook Gruppen.

2) Bewusstsein, Selbstfürsorge und Selbstliebe:

Selbstfürsorge ist für jeden Menschen wichtig und für HSPs besonders. Kenne ich mein Wesen, kann ich vorsorgen. (Wenn ich zum Beispiel weiss, dass ich am Abend eine ‘aufregende Veranstaltung’ habe, kann ich im vorhinein dafür sorgen, dass ich tagsüber genügend Ruhepausen hatte. Vielleicht können andere das auch noch nach einem 8-Stunden Arbeitstag so mitmachen – ich & Du nicht. Wenn fliegen Dein nervliches Erregungspotential ansteigen lässt, kannst Du für ein paar extra Euros einen Sitzplatz reservieren oder Dir überlegen ob Du evtl. mit dem Zug oder der Bahn fährst.)

Für viele HSPs sind die ‘kleinen praktischen Dinge des Alltags’ die andere weniger sensible Menschen im Schlaf machen bzw. ohne erhöhtes Erregungspotential oft eine Herausforderung, während sie vielleicht gar kein Problem damit haben Menschen beim Sterben zu unterstützen.

3) Schlaf & Ruhe
Schlafen ist Heilung pur. Erlaube Dir zu schlafen wann immer Dein Körper es braucht.

Ich erlebe es heute so, dass Menschen fast Angst vor der Müdigkeit, dem Schlafen haben – Warum bin ich nur so müde? Bin ich krank? Die Angst nicht mehr ‘zu funktionieren’, die Angst das viel Schlafen der Verlust von Lebendigkeit bedeutet, wenn genau das Gegenteil der Fall ist! Ich persönlich erlaube mir sehr viel Schlaf, nicht nur nachts, besonders auch tagsüber. Wenn Du neben Dir stehst empfehle ich einen Schlaf-Urlaub. Schlafen wann immer Dein Körper danach verlangt. Die meisten Deiner ‘Probleme’ lösen sich so. Die, die danach noch da sind löst Du im Handumdrehen, denn Du bist wieder ganz bei Dir.

Was ist wenn ich meine Situation (zum Beispiel Arbeit) noch nicht ändern kann?
Das (Selbst-)Bewusstsein über Dich und wer Du bist wird schon etwas verändern, denn Du gehst mit einer anderen Qualität in die Situationen. Mit mehr Selbstliebe statt mit der ‘Ich-drück’ mich weg’ Optimierungswalze!

Büchertips:

Mein Lieblingsbuch ist:

Lasten tragen – die verkannte Gabe.

Aussergewöhnlich normal – Anne Heinze

Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet Sylvia Harke

Website:
Anne Heintze – Open Mind Academy
Hier findest Du detaillierte Infos, Tests und Workshopangebote. Sie unterscheidet auch noch einmal in den Begrifflichkeiten wie Hochsensibilität, Hochsensitivität, Scanner Persönlichkeit u.a. Das kann sehr hilfreich sein.

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