Bindungsverletzungen

Bindungsverletzungen –  aufspüren, erfahren, integrieren.

“Die Krise ist immer auch die Krise des inneren Kindes bzw. der frühen Erfahrungen.”

Bevor ich das Thema Bindung bewusster in meine Arbeit integrierte, fiel mir über die Jahre in meiner Praxis und Arbeit als Körpertherapeutin immer wieder auf, dass einige meiner KlientInnen zwar zu mir kamen, weil sie einen intensiven Wunsch und vielleicht auch ein schmerzhaftes Symptom hatten, das Berührung brauchte, aber ihr System mir etwas gänzlich anderes erzählte. Nämlich: ‘Geh weg!’  Das war zum einen einfach konkret sicht- und spürbar: Ihr Körper verspannte sich gegen mich oder meine Berührung und zum anderen energetisch tastbar: Ihr Körper verspannte sich je näher ich ihnen kam. Energetisch knallte ich, wenn man so will, immer wieder gegen eine unsichtbare Wand, die mich auf Abstand hielt. Als dürfte ich vielleicht im Vorgarten dieses Menschen stehen, aber nicht mehr. Dieses Unsichtbare verweist oft auf eine frühe bis sehr frühe, manchmal auch pränatale  Erfahrung. Ludwig Janus beschreibt es in seinem Buch: Wie die Seele entsteht, wie folgt: “Wir erleben unsere Gegenwart im Spiegel der Erfahrung auf unseren frühen Lebensebenen.(…) Früherinnerungen haben die Doppeleigenschaft sich einerseits zu entziehen und andererseits überaus gegenwärtig zu sein.”

Als ‘junge’ Therapeutin habe ich dies schon gespürt, war teilweise dementsprechend präsent, aber bin dann doch darüber hinweg gegangen, weil der Klient ja schliesslich eine Behandlung von mir braucht. Hier sieht man sehr schön, wie wir beide, ich die Therapeutin und der Klient, dem was man uns beigebracht hatte folgten. (Bsp.: Mein Körper hat ein Problem und der andere macht etwas an ihm, damit ich wieder funktioniere.…und wieder marschierten wir über die feinen Felder des Seins rüber, in dem der Körper als Objekt behandelten und nicht als Erfahrungsfeld. Im Grunde auch ein Abbild von Bindungsstörung: Wenn ich etwas richtig mache und leiste habe ich einen Wert und werde belohnt.

Heute mache ich es genau umgekehrt. Heute mache ich diese feinen Felder von Kontakt, Kontaktangst, Kontaktwunsch erfahr- bzw. erforschbar. Tun wir dies nicht, ist es als würden wir eine neue Tapete über die nächste kleben ohne zu bemerken, dass die Wand feucht ist oder anders – die hard drive ist fehlerhaft, aber wir ignorieren das und versuchen weiterhin eine neue Datei darauf zu speichern.

Das Fundament von heilsamer Beziehung

Diese Felder von Kontakt und (innerem) Bedürfnis bzw. früher Wunde hinter Kompensationsstrategien frei zu legen tut gut und ist sehr heilsam, denn dann beginnen wir unser Fundament von Beziehung zu heilen: Wie bin ich in der Welt und wie gehe ich mit Dir, meinem Gegenüber, Beziehung ein oder vermeide sie. Diese frühen Phasen sind die Blaupausewie wir als Erwachsene Beziehung erleben. Wir wünschen uns Nähe, Familie, bereichernden und gegenseitigen Austausch, Zughörigkeit. Das ist ein tiefes tiefes Grundbedürfnis in uns…und dann läuft (gefühlt) so viel falsch…Die verletzten frühen Wunden brechen auf und beginnen in diesem Beziehungsfeld oder bevor überhaupt ein Beziehungsfeld entstehen kann zu eitern und zwei verletzte Kinder beginnen gegeneinander zu kämpfen; ohne das der Kampf wirklich verstanden wird. Kognitiv behalten wir vielleicht die Übersicht und fragen uns: Was ist los? Ich verstehe es zwar irgendwie, aber ich bin scheinbar machtlos dem gegenüber, was hier passiert.

Wie wir in früher Zeit Bindung erlebten ist im impliziten Gedächtnis gespeichert. Wenn wir hier getriggert werden ist das machtvoll. Daher das Gefühl der Ratlosigkeit. Das Löschen ist nicht möglich, aber neue Erfahrungen im Sinne eines Re-Patterningszu kreieren ist möglich.

Das Übungs – und Heilungsfeld von Beziehung.

Unsere kognitiven Fähigkeiten, können zwar das Fundament nicht erreichen, aber sie können uns trotzdem eine kl. Hilfe sein: Mein Denken zu verändern bzw. Zugang zum inneren Zeugenzu erhalten. Der Zeuge, die Zeugin, die aus dem Streit raustreten kann, aus der Identifikation mit der Einsamkeit, der Wut und sagen kann: “Wow, das passiert mir hier gerade wieder. Mein Wunde ist angetriggert. Ich bin voller Wut, voller Angst und ich bemerke, dass ich jetzt gerne….dieses ganz Unangenehme, diesen grossen Schmerz der da auftauchen möchte und angesprochen wurde, abspalten möchte und in Schuldzuweisungen an meine Umgebung, mein Gegnüber abgeben möchte: Ich möchte zuschlagen, streiten, bestrafen, schreien, weinen, Kontakt abbrechen, Alkohol trinken… denn dann erhält ein Teil von mir das, was er aus der ursprünglichen Bindungsbeziehung kennt.

Kontakt/Begegnung kann bei unsicher-ambivalenten oder unsicher-vermeidend Bindungsmustern u.a. Folgendes auslösen:

  • Ohnmachtsgefühle, ein ausgeliefert sein. (Bsp.: Ich habe eine schöne Begegnung, bin danach aber wie gelähmt und fast handlungsunfähig; nur Kontaktabbruch scheint mich wieder zu befreien, aber das macht mich dann auch traurig.)
  • Wahnsinnige Anstrengung (sogar in der gemeinsamen Sitzung erlebe ich dies bzw. mache meine KlientInnen dann darauf aufmerksam: sie liegen oder sitzen da und ich sehe förmlich, wie sie mit sich ringenjetzt hier ‘richtig gut’ mitzuarbeiten oder ‘das Richtige’ zu sagen.  Motto: ‘Ich muss das Richtige leisten um eine Daseinsberechtigung zu erleben’)
  • Nur im Rückzug kann ich mich erholen, aber dann bin ich einsam.
  • Ohne Kontakt, ohne in Beziehung zu sein existiere ich nicht. Ich bin depri und verloren.Als wäre ich gar nicht da.