Bist Du das Blatt, das loslässt?

Februar 5th, 2019

 

Ich schaue morgendlich aus meinem Fenster um überhaupt erstmal – nach der Nachtruhe – in meinem Körper und auf diesem Planten ganz wieder anzukommen und ganz wach zu werden.

Heute morgen schaute ich lange auf ein Blatt.

Ich schaute nicht einfach drauf, sondern nahm es ganz in mir auf.

Ein dunkelbraunes Blatt, dass immer noch am Baum hängt – irgendwie stolz, aber auch steif. Als wenn es sagen würde: Ich bin noch hier! Gleichzeitig tat mir das Blatt, nach längerem Schauen etwas leid. So hatte es zwar den Herbst, also die Zeit, in der die meisten Blätter davon fliegen und sich von ihrem Baum trennen, und auch den Winter überlebt, aber wozu eigentlich? Es ist noch da, hält noch fest, aber es wird keine inneren oder äusseren Bewegungen mehr erleben: kein Recken Richtung Licht, kein Schub der Sonne entgegen aus kleinen lichthungrigen Zellen, die wachsen wollen. Keine Bewegung von innen heraus. Kein Leuchten in der Reife. Alle anderen haben losgelassen. Sie hatten einen Flug durch die Luft, die sie in ein unbekanntes Land wirbelte, in nicht vorraussehbare Richtungen verstreute bis sie irgendwann mit einem neuen Medium Kontakt machten: Der Erde. Dort fanden sie eventuell andere Blätter und es setzte etwas ein, dass ihnen bis dahin auch noch unbekannt war: Ihre Form verwandelte sich. Sie wurden nach und nach zu Erde und lagen somit wieder zu Füssen ihres Lebensbaums. Sie waren nie wirklich getrennt. Nur ihre Form verwandelte sich ständig.

Ein Teil von mir kann das Blatt gut verstehen. Im ersten Moment des Betrachtens fühlte ich mich auch froh: ‘Man muss nicht immer gleich loslassen’. Das ist der Teil, der auch gerne mein Motto: ‘Mein Fuss trat in die Luft und sie trug’ vergisst!

Aber mit längerem Einlassen spürte ich mehr und mehr Rigidität und auch Verzweiflung in diesem stillen stolzen Festhalten. Es fühlte sich gar nicht mehr so gut an – es wird eng im Körper, fester, der Atem wird flacher und obendrauf sitzt ein Kopf, der Lebendigkeit vorgaukelt…

Wie geht es Dir? Loslassen? Festhalten?

• Wie geht es Dir mit diesem Bild, wenn Du ich darauf einlässt? Was löst es vielleicht aus? Erlaubst Du Dir dann das zu spüren? Dem Raum zu geben?

Pierre Stütz schreibt:

Menschwerdung ist ein Geburtsprozess…und mit diesem Prozess geht auch die Zumutung einher sich auf das Leben einzulassen.

• Wäre es nicht gut wenn etwas ‘von aussen’ das braune Blatt befreien würde? Auch wenn sich das erstmal ganz schrecklich für das Blatt anfühlen würde?

• Wann wurdest Du vom Leben zu etwas ‘gezwungen’ und wie hat es Dich verändert, welches Wachstum hat es gebracht?

• Wieviel Energie steckst Du ‘in ein nicht loslassen’? Wie könnte diese Energie Dir ansonsten dienen? • Wo würde Dein Leben Dich einladen wollen noch mehr loszulassen? Und wann hast Du vielleicht schon einmal einfach vertraut, losgelassen und was ist dann passiert?

Und: Loslassen bedeutet ja nicht immer gleich ‘riesige Aktionen’, wie unsere Gesellschaft gleich werbe-eifrig vorgibt. Letzteres kann auch eine Form von nicht Loslassen, nicht einlassen sein. Es geht vor allem um Deine innerliche Landschaft. Äussere Veränderung findet dann ganz natürlich und fast wie von allein statt – es sei denn wir stellen uns stur dagegen 😉 Dann bekommen wir vielleicht ‘Nachhilfe’ – so wie eine Klientin von mir, die schon mit Anfang 30 einen Bandscheibenvorfall hatte und sich dadurch auf den Weg zu ihren wahren weiblichen Sehnsüchten machte; auf dem Weg begegneten ihr alte Schuldgefühle und tiefe Trauer, die noch losgelassen werden wollten und nun hat sie Raum für Neues: Sie ist schwanger!

Mit immer wieder staunenden Grüssen!

Katrin Kelly