Hochsensibel – Ich habe Angst vor Nähe! Warum?

Dezember 1st, 2018

Sobald wir aus dem grossen Pool des Eins_Seins heraus, menschliche Form annehmen und in ein Getrennt-Sein hineinwachsen, gibt es ein ICH und ein DU und damit das Thema: Kontakt. Dami Charf schreibt in ihrem Buch’Auch alte Wunden können heilen’: ‘Wir kommen auf die Welt mit der Frage: ‘Wo bist Du’?

Oft glauben wir uns im Kontakt, in Verbindung zu sein, aber wir kennen viele Strategien um uns sozial zu bewegen ohne uns dabei zu berühren oder wirklich zu spüren. Eine Klientin von mir sagte während einer Behandlung einmal: ” Wenn ich etwas wie eine Platte (in meinen Körper) schiebe, dann geht es…dann kann ich funktionieren…” und ich glaube, dass geht vielen Menschen so oder so ähnlich.

Faszinierend ist, dass wir uns nach echtem Kontakt sehnen, aber schon während wir ihn suchen, Strategien finden um uns nicht wirklich einlassen zu müssen. Das hat u.a. mit unseren (Lebens-)Erfahrungen, vor allem frühen Bindungserfahrungen und eventuellen Grenzüberschreitungen und damit Mustern und Gefühlen von Verletzlichkeit und Scham zu tun. Schuld und Scham zu spüren – das gilt es zu vermeiden, denn das sind Gefühle, die als ‘vernichtend’ wahrgenommen werden. Das Bild, das in mir auftaucht zeigt zwei Eisberge, die zusammen einen Blues tanzen wollen und dabei immer härter in einander crashen, damit das Eis des anderen (zuerst) bricht.

Das Internet – kontaktlos im Kontakt
Das Internet und die sogenannten sozialen Medien helfen uns übrigens dabei ‘kontaktlos im Kontakt’ zu sein, denn hier kann ich viele likes bekommen, aber ich muss mich nicht wirklich einlassen. Es ist eigentlich ein sehr infantiles Medium zur Aufrechterhaltung unser ‘erlernten’ Strategien und der kindlichen Suche nach Anerkennung; das ist oft auch daran zu erkennen, dass mit viel Aggression auf eventuelle Kritik reagiert wird. Von dieser Art der Bestätigung werden wir aber immer mehr, immer mehr brauchen werden, denn diese Form der Anerkennung erreicht uns nie wirklich.

Zerschlage die Bilder, die Du Dir zurecht gelegt hast.
Tief innen drin wird die Leere bleiben, wenn ich mich nicht auf den Weg zu mir selbst mache und stattdessen die ‘Lösung’ weiter ausserhalb von mir suche: In romantischen Ideen und Projektionen von ‘Liebe und Partnerschaft’, Berufung usw. – also zweidimensionalen Bildern, in die ich versuche mein Leben und meine Beziehungen zu quetschen und dabei immer mehr und immer erweiterte Leidstrukturen kreiere. Denn die Bilder versuchen mich vor den eigenen Gefühlen des Mangels, der Schuld – und Schamgefühle ‘zu schützen’- aber so sehr dass jegliche Lebendigkeit dabei heraus drangsaliert wird.

Muss ich denn mit jedem Menschen in meinem Leben in einen vertrauten Kontakt gehen, mich anvertrauen?, magst Du Dich fragen. Nein, so ist es nicht gemeint. Es geht hier zunächst um eine innere Öffnung bzw. um ein ‘Dir selbst gewahr werden’. Zu dem was Dein Wesen ist. Wenn wir uns hinter erlernten Strategien und Geschichten abschotten,hart machen, verlieren wir auch den Kontakt zu uns selbst, zu unserer Essenz und damit zu unserem Potenzial für wahrhaften inneren Frieden und Lebendigkeit. Der Weg dorthin führt in und durch unsere Wunden hindurch.
Bist Du einmal in Kontakt mit diesem inneren Platz, ist ein ganz anderer Kontakt mit allem und allen um Dich herum möglich. Schauen wir uns die ‘Kontaktwunden’ etwas genauer an.

Hochsensibel – Das ambivalente Gefühl zu Nähe.
Ich möchte betonen, dass Kontakt für alle Menschen ein komplexes und manchmal herausforderndes Thema ist – nicht nur für hochsensible Menschen. Aber in diesem Beitrag geht es darum, welche Schwierigkeiten und Herausforderungen sich im Besonderen für hochsensible Menschen zeigen können.

1 Grenzenlosigkeit
Besonders für Hochsensible ist Kontakt ein schwieriges und komplexes Thema, denn oft können sich hochsensible Menschen nur im kompletten Rückzug selbst spüren und sich erholen. Aufgrund ihrer erhöhten Wahrnehmungs – und Empathiefähigkeit, kommt es schneller zu einem Gefühl der Grenzenlosigkeit oder vielleicht noch besser ausgedrückt einem Gefühl der Auflösung. “Ich bin gar nicht da.” Physisch ist man da, aber gleichzeitig ist man verschwunden. Wie in einer Blase absorbiert. Das konkrete Gefühl für die eigene Existenz geht verloren. Im besten Fall fühlt man sich schwammig/vage bis hin zur Panik/Panikattacke oder Selbstverletzung. Letzteres erlöst den Druck und holt einen (für einen Moment) aus dieser Blase und in den eigenen Körper zurück. Es ist, glaube ich, nicht schwer sich vorzustellen wie dies in eine unheimliche Einsamkeit verbannen und eine oft unausgelebte Sehnsucht nach Nähe hinterlassen kann.

2 Rückzug: Angst vor Absorption
Oft sind Hochsensible während sie heranwachsen eine Art Outsider der Familie. Gleichzeitig aber der Puffer der Familien – oder Elterndynamik. Die Qualitäten des HSP sind dann so lange wertvoll wie sie der Mediation und Aufrechterhaltung des (Familien-)Systems dien(t)en, aber ungewollt in ihrem individuellen Ausdruck und Bedürfnissen. Oftmals werden sie sogar wegen der eigenen Bedürftigkeit gedemütigt oder ignoriert. Sprich: Die hochsensible Person drückt das weg. Mit dem Resultat, dass sich kein authentisches Selbstbild entwickeln kann, sondern nur eines aufgrund der Spiegelung, die mir sagt: ‘Ich bin ok wenn…ich etwas tue’ Hier übernehmen die Kinder zum Beispiel Rollen oder Verantwortlichkeiten, die nicht angemessen sind oder ihrem Alter entsprechen: Partnerersatz, Mediation zwischen beiden Elternteilen o.Ä.

Später haben diese Menschen grosse Schwierigkeiten ihre echten Gefühle und wahren Bedürfnisse zu spüren, geschweige denn zu teilen. Perfektionismus und Helfersyndrom können eine Folge sein. Beides entspricht der erlernten Strategie durch die ich gelernt habe, dass ich etwas wert bin (wenn ich etwas tue) und geben das vermeintliche Gefühl von totaler Kontrolle. Die wahren Gefühle zu spüren und dann vielleicht auch noch zu teilen geht mit grosser Angst einher: Wieder beschämt und gedemütigt zu werden. Unbewusst geht das sogar mit einem Gefühl des vernichtet werdens einher. So ist nachvollziehbar, wie extrem die Reaktion von Menschen sein kann, wenn sie in dieser ‘Verwundbarkeit’ getroffen werden.

Beispiele: Kontakt als unheimliche Anstrengung: Muss ich etwas tun? Die feinen Antennen sind immer auf halb acht. Mögliche eingeschlagene Wege: Vermeidung oder Perfektionismus

In einer Sitzung, in der es um ein (Neu)Erleben der frühen Zeit ging’ und ich die Rolle der Mutter einnahm und als dieseso etwas sagte wie: Es tut mir leid, dass ich nicht für Dich da war (….), aber ich war überfordert…….” sprang mein Klient sofort auf das Wort ‘Überforderung’ an:”Muss ich etwas tun??!” an. Dies war sehr wichtig, wurde doch klar wie stark seine Wahrnehmungsantennen nach aussen gerichtet waren/sind. Kontakt bedeutet(e) für ihn eine unheimliche Anstrengung, da Kontakt gleichbedeutend war mit: ‘Ich muss etwas tun, damit überhaupt Kontakt besteht.’ Ich darf im Kontakt nicht einfach nur ‘da sein’, so wie ich bin. Seine wahren Bedürfnisse und Empfindungen brachte er nicht mit in den Kontakt, sondern versuchte dass jahrelang mit sich selbst auszumachen. Das führt manchmal zu dem Eindruck, dass diese Menschen eher kühl und distanziert sind. Jetzt eine Form von Kontakt zu erleben, in dem er einfach sein und sich ausruhen darf ohne dass der Kontakt abbricht, war extrem heilsam und wurde tief in sein körperliches Erleben aufgenommen, was somit eine nachhaltige Veränderung ermöglichen kann.

Beispiel: “Wenn ich nicht perfekt bin, bin ich nichts wert.”
Eine hochsensible Frau kam aufgrund von Migräneattacken und einem ausgebranntem Gefühl in die Praxis: Alles, jede Überlegung, jede kleinste Tat, jede Reaktion von anderen war wahnsinnig anstrengend, denn sie maß sich konstant selbst daran. Es existierte kaum ein Zugang zu dem, was sie brauchte oder das es vielleicht auch die Möglichkeit bestand, dass andere (auch) Fehler machten.’Wenn ich nicht perfekt bin und nicht jeden rette bin ich nichts wert’. Das Helfersyndrom bis zur Perfektion hochgefahren. Der Burnout: Ein Alarmsignal ihrer Seele und eine Möglichkeit der Heilung.

Eine Klientin, gerade 18, die noch zu Hause bei Ihrer Mutter lebt sagte:”.. meine Mutter lädt alles bei mir ab, selbst wenn ich stop sage, macht sie weiter…..”
Das geht soweit, dass man kaum noch spürt wer man selbst ist. Später reagiert sie vielleicht mit Wut oder totalem Rückzug auf Nähe – aus Angst, dass es wieder zu dieser Absorption kommt, durch die das Gefühl entsteht: Mich gibt es gar nicht. Hier darf ich nicht ganz ich sein. Spricht der HSP seine Wahrheit in der Familie aus statt stillschweigend Puffer zu sein, löst das oft Aggression oder Ablehnung aus, denn es ist immer (vermeintlich) angenehmer wenn jemand das eigene Unbewusste und Unerlöste mitträgt statt es auszusprechen. Obige Klientin tat dies irgendwann und ihre Mutter warf sie raus. Sie ist aus dieser verdrehten symbotischen Beziehung (Parenting the parents) ausgestiegen. Das ist immer noch sehr schmerzvoll, aber irgendwann möglich.

Während einer Craniosakral Behandlung bat ich eine Klientin ihr ganzes Gewicht an mich abzugeben während meine Hand unter ihrem Kreuzbein ruhte. Es war ihr kaum möglich und ich sagte:’Ich achte auf mich selbst, das brauchst Du nicht!Du darfst jetzt ganz bei Dir bleiben’ Das hat wie ein Blitz Bewusstsein gebracht und sie zum ersten Mal so entlastet, dass sie in Tränen ausbrach. ‘Ich darf ganz bei mir bleiben (und bin trotzdem gesehen und gewollt)!’

Grenzen spüren
Bei einer meiner Übungen zum Thema ‘Grenzen spüren’, sagte ein junger Mann zu mir: “Du darfst nichts von mir wollen!” und damit meinte er nicht eine konkrete verbale Forderung von mir oder einer dritten Person, sondern aufgrund seiner erweiterten Wahrnehmungsfähigkeit, die Projektion von anderen auf ihn. HSP möchten (am Liebsten), dass andere lernen ganz bei sich selbst zu bleiben, denn dann müssen sie das Unterschwellige nicht mittragen. Selbst ein Lächeln oder eine hingebungsvolle Geste von unserem Gegenüber können so zu viel sein, wenn sie aus einem Platz des Mangels kommt. Dann spürt ein hochsensibler Mensch ‘das Loch’, das er füllen soll! Das macht Druck, Enge, Ängste. Rückzug. Ähnlich wie bei dem Klienten, der in seiner Familie besonders auf die Überforderung der Mutter ‘eingestellt’ war.

Sich auf den Weg machen. Vom unbewussten Lastenträger zur Gabe: Die lichtvollen Qualitäten und Gaben in die Welt tragen ohne sich dabei selbst auszulöschen

Wie für alle Menschen ist es auch für hochsensible Menschen wichtig sich zu sich selbst auf den Weg zu machen: Das Pflaster abzuziehen und in die (Kontakt-)Wunde selbst einzutauchen. Bleiben sie unbewusst und ‘fahren’ die alten Strategien weiter, kann sich dies arg auf ihr privates und berufliches Leben auswirken: Helfen und Leisten bis zur Selbstzerstörung, hängen bleiben in der Durchschnittlichkeit trotz hoher Intelligenz, oder so viel Rückzug, dass sie den Reichtum des Lebens und den ihrer eigenen Gabe verpassen.

Wenn ich meine ursprüngliche Kontaktwunde heilen kann bzw. eine neue Erfahrung im Kontakt machen kann, so wie zum Beispiel mein Klient von oben, dann wird es möglich sein die Gaben und Qualitäten des HSP in den Kontakt, in die Welt zu bringen und zu leben, denn dann hängt das eigene ‘Überleben’ nicht mehr davon ab und ich habe keine (unbewusste) tiefe Angst mehr beschämt zu werden.

Du musst nichts sein!
Ich erinnere mich sehr gut an für mich zwei ausschlaggebende Momente: Ein Lehrer von mir nahm während einer therapeutischen Ausbildung wahr, dass ich mich wieder zurück zog (physisch als auch psychisch). Er folgte mir und sagte einen Satz, der bis heute immer wieder in mir schwingt und mich aus der alten Isolation raus holt wenn ich angetriggert bin:’Du musst nichts sein!’ Ich weiss noch, wie in mir die Frage schwang: Was? Wirklich? Und mein ganzer Körper leichter wurde. Später wurde mir auf diesem Weg klar, warum ‘meine Leistungen’ immer so durchschnittlich waren; kaum stand eine Aufgabe oder Prüfung an, hatte ich Angst, denn zuvor war ich in meinen Qualitäten und Gedanken beschämt worden oder erfuhr viel Neid, was für mich Ablehnung bedeutete. Also fuhr ich mein Level runter. Passte es an. Klar wurde auch, warum ich manchmal so eine Angst vor Gruppensituationen hatte oder wo ich zeigen sollte ‘was ich kann’: Denn innerlich wurde sofort wieder alles dunkel in mir: Hier darf ich wieder nicht sein, dann erzeuge ich Ablehnung.
Eine weitere Situation ergab sich während einer anderweitigen therapeutischen Ausbildung und Selbsterfahrung: Hier traute ich mich, mich zu zeigen und meiner Wahrnehmung zu folgen. Als ich das tat, schaute der Leiter mich an and machte eine symbolische Kusshand. Das hört sich vielleicht etwas seltsam an, aber es ging’ hier um eine körperorientierte Prozesserfahrung und ich erlaubte mir meinem körperlichen Impuls zu folgen: Was ich wirklich machen wollte- statt es wieder diplomatisch wegzupacken. Als ich sein ‘Kompliment’ dafür wahrnahm, war in mir wieder eine tiefe innere Überraschung und mir wurde klar: Es ist das erste Mal, dass ein ‘Lehrer’ mich für meine ‘wahrhaftigen’ Qualitäten lobte. Ich habe das Lob nicht mehr gebraucht, aber es hat dies noch einmal klar gemacht.

Sich voll gespiegelt zu spüren gibt ein kraftvolles Selbst-Bewusstsein und ein Gefühl von geankert sein. Hier bin ich. Hier bin ich in meiner vollen Grösse. Denn gespiegelt zu werden bedeutet in seinem SEIN ganz gesehen und angenommen zu werden, nicht nur in einer bestimmten Form von TUN. Das ist wie ein Wunder.

So kann ein hochsensibler Mensch seine ‘Antennen’ auch etwas einfahren: Er/Sie nimmt immer noch genauso viel wahr wie zuvor, aber es hat nicht mehr die selbe Qualität von anstrengender Kontrolle und (Selbst-)Aufgabe. Zuvor dient die erweiterte Wahrnehmung auch zur Kontrolle und damit einem unbewussten Gefühl von: ‘Ich bin in Sicherheit. Wenn ich alles sehe, alles im Blick habe, alles für die anderen löse, bin ich in Sicherheit.’ Das ist wahnsinnig anstrengend. Wenn das Wegfallen darf, löst sich ein grosser Teil der Anstrengung auf und wir haben mehr Kraft! ich darf mich mit meinem SEIN ganz in den Kontakt bringen.