“Ich kann nicht mehr!” Die Lebensmitte und andere Schwellenzeiten als Chance!

Juni 17th, 2019

 

‘Ich kann nicht mehr!’ Ein Satz, der Dir wahrscheinlich nicht unbekannt ist, wenn Du dies liest. Aber was macht ihn aus bzw. durch was wird er ausgelöst? Ist es ‘nur’ Erschöpfung oder was steckt dahinter?

Natürlich können wir uns in Phasen, in denen wir uns vor allem körperlich sehr ausgepowert haben so fühlen. Aber auf einer anderen, tieferen Ebene kann dieses Gefühl ein Fingerzeig dafür sein, dass Du Dich in einer wichtigen Wachstums – bzw. Reifephase befindest und somit auf einem Weg zu neuen Lebens – und Handlungsmöglichkeiten, die Dich deutlich stärker an Deinen inneren Kern, an alles was Du bist, heranführt.

‘Ich kann nicht mehr!’ ist ein Satz und ein Zustand, der mir in den letzten 3 Jahren sehr intensiv begegnet ist.  Als es begann, war ich überrascht, denn alle anderen Anteile in mir strotz(t)en vor Gesundheit und Liebe für meine Arbeit und mein Leben…und trotzdem. Da war er: “Ich kann nicht mehr”: Ein viszerales Erleben meines ganzes Seins, dass das Kognitive wie ein Tsunami überwältigt und verschlingt.

Was neu für mich war, war, dass es mir gleichzeitig auch gut ging’ und ich das Leben wie nie zuvor in einer ungeheuren Tiefe erleben konnte.

Ich konnte in einem Moment ein totales Burnout fühlen, ein wahrhaftes von innen heraus vertrocknet sein was zu Gedanken führte wie:”Ich will meinen Koffer nehmen und abhauen oder sofort!!! mein Praxisschild von der Tür abnehmen” oder dann wieder von unglaublicher innerer Rage regiert werden, um im nächsten Moment tiefste Lebensfreude zu erleben: Alles ist gut wie es jetzt in diesem Moment gerade ist. Ich lebe, ich atme, ich bin. Die Schönheit eines Blütenblattes grub’ sich auf direktem Wege in meinen Herz, als gäbe es über das Leben nicht mehr zu wissen als dies.

Was war bei mir los? Was ist los, wenn das in Dir auftaucht?

Du befindest Dich in einem Übergangszustand. In meinem Fall: Die Lebensmitte.

Übergangszustände oder vom Anthropologen Victor Turner als Rite of Passages benannt, sind im Fluss des Lebens kein ungewöhnlicher, sondern ein höchst natürlicher Prozess, denn er bedeutet: Wachstum/Reife/Erwachen.

In unserer, von Natürlichkeit entfremdeten Gesellschaft, in der konstante FUNKTIONALITÄT zählt, mit der wir auf der linearen Autobahn des “immer mehr und immer schneller” unterwegs sind, gibt es dafür keinen oder kaum Raum. Funktionalität, die mit Schnelligkeit einhergeht, erhält die Illusion, so wie die Frustrationen von einem Gefühl der Kontrolle (über das Leben und unser konstantes Sterben). Dies verhindert, dass wir das Leben in seiner Natur, -chaotisch, nicht-linear im Character – ist zu erleben. Übergangsphasen drehen oftmals allerdings alles so laut um das Künstliche, Alte, Kranke sichtbar zu machen, dass wir keine Chance mehr haben, dem zu entgehen. Und das ist gut so.

Unschöne Unterbrechung, krank oder Wachstumsphase?

Die Lebensmitte wird in unserer Gesellschaft  zwar als Lebensphase benannt, aber meistens als rein körperliche bzw. irrationale  und unschöne Unterbrechung abgetan und ins Lächerliche gezogen. Lächerlichkeit ist wichtig, wenn man als Individuum oder Gesellschaft Angst davor hat, dass einem so etwas selbst geschehen könnte. Wenn ein mensch sich traut darüber zu sprechen, zieht er es oft selbst ins Lächerliche oder erzählt mit Ironie um zu zeigen, dass er noch dazugehören kann: Zur Gruppe der akzeptierten, gesunden Gesellschaft. Ist doch wirklich traurig.

Alternativ wird diese wichtige Lebensphase pathologisiert und es folgen Diagnosen um diesen ‘kränklichen’ Zustand zu bewerten und zu bekämpfen: Burn Out, Depression….KRANK also! Pillen müssen her. Dabei ist es nicht nur nicht wahr, sondern verwehrt auch einen tieferen Zugang zu dieser intensiven Wandlungsphase.

Diese Pathologisierung erlebe ich heutzutage schon vermehrt bei Teenagern. Diagnose: Depression. Mich verstört das – persönlich und als Therapeutin – zutiefst, denn in vielen Fällen liegt hier keine Erkrankung vor, sondern einfach ein Übergangszustand, nämlich der der Pubertät. Diese Übergangsphase geht oftmals, wie die meisten anderen auch, mit extremen downs, suizidalen Gedanken und einem generellen Gefühl von Leere und Dunkelheit einher. Aber auch das ist ein essentieller Teil dieser Phasen.

Übergangszustände, die wir als solche noch wahrnehmen, aber noch kaum angemessen (rituell) gestalten oder leben sind zum Beispiel Pubertät, Heirat, die Lebensmitte, Altern und Sterben, die Phase des Trauerns.

Aber auch der Eintritt ins Arbeitsleben, wenn die Kinder erwachsen sind und das Haus verlassen, Krankheit oder plötzliche Erkenntnisse, die einschlagen wie ein Blitz und die als ein Erwachen empfunden wird können diese Phasen initiieren, wie wir hier an einem Beispiel einer 50jährigen Frau lesen können:

“Eines Tages nahm ich plötzlich einen Kloss in meinem Hals war und ich fühlte mich als hätte ich jeglichen Kontakt zu den anderen verloren…als würde ich vor einer Wand stehen….allein, sehr allein…und niemand würde je verstehen wie ich mich fühle…” (aus Betwixt & Between, Herausgeber.: Little, Mahdi und Foster. Übersetzung, K. Kelly)

Was passiert in dieser Übergangszeit und warum taucht das ‘Ich kann nicht mehr’ auf?

Das Alte, also das woran Du bisher Deine Identität festgemacht hast, worauf Du Dein Leben aufgebaut hast, trägt nicht mehr, aber das Neue ist noch nicht in Sicht. Der Boden bröckelt unter Deinen Füssen. Es ist ein noch stetes Fluktuieren zwischen Altem, Neuem und dem Unbekannten. Das erklärt auch, wie meine gegensätzlichen Seinszustände, die ich oben beschrieben habe, nebeneinander existieren konnten.

In der Pubertät gibt es die physische Veränderung, die die Wandlungsphase äusserlich sichtbar macht und zum anderen die Innere: Der Heranwachsende wandelt zwischen kindlichem Dasein und der jungen Frau oder dem jungen Mann, in den er gerade hineinwächst. Vielleicht kuschelt sie gern noch mit Mama, aber explodiert im nächsten Moment und stösst sie weg. Ich erinnere mich daran, dass ich zum einen noch mit einer Nachbarstochter Barbie gespielt habe und dann später Lippenstift ausprobierte, meinen ersten Kuss erhielt, mit Älteren rumhing. So eine innere Zerrissenheit. Das sind natürlich recht grobe Beispiele. Dazu gibt es natürlich auch noch viele subtilere Varianten.

In der Lebensmitte kann es vielleicht das Hinterfragen von Werten, Sinnhaftigkeit oder individueller Lebenszweck  so wie einer Art Umpolung des eigenen Fokus von aussen nach innen sein. Ein sehr schmerzlicher, aber heilsamer Kontakt mit bislang verdrängten oder vernachlässigten Anteilen/Qualitäten, die im bisherigen funktionieren keinen Platz hatten. 

Ich empfinde es so, als würde ich einen (alten) Raum verlassen um auf einen Neuen zuzugehen. Dazwischen liegt eine unbekannte Strecke, freier Fall. Du stehst schon im Flur, aber jetzt musst Du die Türklinke hinter Dir wirklich ganz loslassen, denn die Strategien, die Deine Persönlichkeit in diesem Raum ausmachten greifen nicht mehr und das spürst Du als ein: ‘Ich kann nicht mehr’! Die ‘alten Arten und Weisen’ gehen einfach nicht mehr!

Ich kann nicht mehr! taucht also auf wenn Du noch am Alten festhälst und wie gewohnt in der alten Spur weiter fährst, obwohl sich schon andeutet, das es nicht mehr geht.

Zu alten Arten und Weisen können Strategien (Verhaltensweisen) gehören, die wir uns schon in unserer Kindheit angewöhnt haben (u.a. weil sie uns Anerkennung und daher ein Gefühl von Zugehörigkeit und daher Sicherheit gegeben haben). Diese haben wir als Erwachsene vielleicht weiter ausgebaut, optimiert. Sie formen unsere EGO-Maske oder wie ich es nenne: Unsere Persönlichkeitsmaske, also die Qualitäten, die wir bewusst und oftmals sehr einseitig leben. Wie mit einem Verstärker hochgedreht. Diese Qualitäten gehören auch zu Dir, aber eben noch viele mehr, die nicht gelebt werden und Dir das Gefühl geben können nie ganz Du selbst zu sein. Das kann quälend sein und wird oftmals mit mehr Strenge, Arbeit, Alkohol oder Drogen versucht ‘wegzumachen’.

Unter folgenden Stichworten finden sich viele Strategien und Glaubensmuster, die unsere Persönlichkeitsmaske ausmachen können: Leistung (intellektuelle oder finanzielle) oder Misserfolgsidentität (ich bin halt so, schaffe nie etwas), Helfersyndrom. Diese bedingen dann wiederum die Dynamiken in (Paar-) Beziehung, Familie und/oder Arbeitsplatz. Wir rufen (unbewusst) immer wieder Menschen/Situationen auf den Plan, die uns ein ‘Übungsfeld’ bieten um diese Strategien irgendwann zu erkennen!

Das ich mein Praxisschild runterrissen wollte hatte damit zu tun, dass mein inneres Kind in dieser Phase getriggert wurde: ich will nicht mehr absorbiert werden. Ich kann hier in meiner Individualität nicht bestehen bleiben, Ohnmacht.  Andere HSP’s kennen das: Puffer der Familien-dynamik sein oder für ein Elternteil: Zuhören, helfen, lösen.Es war wertvoll für mich dies noch einmal zu spüren und noch mehr zu integrieren, denn es gab/gibt ja schon eine geheilte Erwachsenenebene, die als Resource gespürt werden konnte und dann an die alarmierte Kindesbeine so etwas vermitteln kann wie: “Hey, ich bin da. Ich sehe Dich. Du brauchst Dich jetzt nicht mehr anstrengen. Du bist in Sicherheit und ich übernehme.”

Andere individuelle Qualitäten, Wesenszüge, Talente werden hinter den ‘bevorzugten Qualitäten/Eigenschaften’ verdrängt und ins Unbewusste abgespalten. Letzteres formt dann den Schatten, den wir gern auf andere projizieren um diese ‘verlorenen Qualitäten’  über andere Menschen (oder Dinge) wieder in unser Leben zu holen um uns so ganzer zu fühlen oder um sie erneut ablehnen zu können (“So wäre ich nie!”)

Das ist natürlich eine wackelige Angelegenheit, denn andere Menschen bieten uns im Grunde ‘nur’ ein Übungsfeld und nicht die Lösung! Sie füllen unseren gefühlten Mangel nie dauerhaft aus. Leider reagieren wir dann oft nur sehr oberflächlich: Sind frustriert, wütend, in Rage, verzweifelt statt ein wenig tiefer zu gehen und zu bemerken, dass es uns vielleicht helfen möchte. Ziehst Du zum Beispiel immer wieder die gleiche Sorte von Partner/Partnerin an oder ‘versage’ ich mir (unbewusst) Erfolg wäre es gut irgendwann zu merken: “Hier möchte etwas in mir noch geheilt werden, statt weiterhin zu hoffen, dass es irgendwo da draussen den perfekten Partner/Job gibt, der/die die ‘Lücke’ in mir ausfüllt oder das ich damit ben leben muss erfolglos mit zu schwimmen’.  

Die drei Phasen der Übergangszeit(en), der Rites of Passages.

Victor Turner unterteilt die Übergangszeit in 3 Phasen: Loslösung, Liminalität oder Schwellenzeit und Re-Integration. Diese Phasen laufen  aber nicht (nur) in dieser strengen linearen Reihenfolge ab, sondern auch ganz durcheinander, nicht-linear’, denn im Grunde ist ja das gesamte Leben ein prozesshafter Raum.

Was meine ich damit?

Manchmal sagen wir im alltäglichen Leben so etwas wie: ” Zwei Schritte vor und wieder einen zurück… Etwas hat sich schon weiter entwickelt, aber dann gab’ es (gefühlt) einen Rückschlag. Auch im therapeutischen Prozess hast Du das vielleicht schon erlebt: Du hattest tiefe Erkenntnisse, eine heilsame Verbundenheit mit Deinem Körper und im nächsten Moment zieht es Dir scheinbar wieder den Teppich unter den Füssen weg und zumindest für einen Moment scheint es fast schlimmer als zuvor, aber sobald das vergangen ist, spürst Du, dass sich etwas integrieren konnte. Etwas das bleibt.

Die Loslösungsphase + die liminale Phase: Typische Empfindungen.

Ich habe weiter oben schon mein Bild von den Räumen und dem Flur erwähnt, das diese Zeit des Übergangs für mich symbolisiert.

Dieses Bild (unten)  kam aus mir heraus. Mir hilft es oft etwas aus meinem Körper heraus auf Papier zu bringen um es zu spüren oder klarer zu sehen. Dies ist das Resultat:

Ich war überrascht als ich malte, denn ich war mir nicht bewusst gewesen, dass ein Teil von mir noch festhalten möchte. Als ich mir dann vorstellte, die alte Türklinke loszulassen, löste das grosse Traurigkeit in mir aus. Ich bemerkte, dass ich mir meine Trauer über das, was in meinem Leben vorbei ist, nicht erlaubt bzw. zunächst gar nicht als solche wahrgenommen hatte! Ich schrieb in mein Büchlein:

“Ich bin so überrascht, dass diese Traurigkeit in mir ist, denn ich bin doch so glücklich älter zu werden! Der Schmerz, der sich im Festhalten der Türklinke zeigte, musste erst in mein (Spür-)Bewusstsein treten.”  

Sobald dies gespürt werden durfte und in mein Bewusstsein trat, verliessen mich die typischen Empfindungen der Loslösungsphase: Druck, Aggression, Verwirrung, tiefe Erschöpfung. Auch das: ‘Ich kann nicht mehr’ begann sich damit aufzulösen, denn ich hatte losgelassen. Fast im gleichen Moment integrierte sich schon etwas und eine Art Vorfreude wuchs in mir: ‘Wer ich wohl noch werden kann? Welche Frau möchte da noch reifen? Wow, das ist ja viel spannender als weiterhin festzuhalten!’

Was erleb(t)e ich oder was erlebst Du vielleicht in dieser Übergangszeit noch?

Bei mir sah oder sieht es u.a. so aus, dass sich immer wieder kleine aber körperliche Symptome zeig(t)en, die ich eigentlich schon seit 10 Jahren oder länger nicht mehr hatte (Panikattacken, Blasenreizung o.Ä.). Diese Symptome blieben nicht lange, aber lange genug um meine Aufmerk-samkeit zu erhalten. “Hallo, hier sind wir noch einmal. Willst Du uns die nächsten 43 Jahre noch mitnehmen oder ist es nicht Zeit, dass wir uns verabschieden?”

Ich hatte Seminare gebucht, die ich kurz vorher wieder absagte. (“Ich kann nicht mehr!” 😉 ) 

Ich hinterfragte meine Arbeitsweise oder ob ich meine Arbeit gar aufgeben müsste….Ich wollte weg und raus und doch nicht. Ich wollte alte Hobbies wieder aufnehmen oder Neue beginnen, die ich mir nie erlaubt hatte: Reiten, Geige spielen, wilde Abenteuer erleben und am Besten alles auf einmal…vielleicht kennst Du das? Oder Du hast urplötzlich das Gefühl: Ich muss meine Familie hinter mir lassen und hier raus?

Die Phasen sind nur auf dem Papier wirklich von einander zu trennen, während sie im Erleben manchmal durcheinander fliessen. Aber während Du in der Loslösungsphase tendenziell noch Druck, Aggression, ich kann nicht mehr spürst, fühlst Du Dich in der Schwellenphase (im Flur ohne Halt stehen), vielleicht mitunter auch so: Verloren, verwirrt, es ist als würde ich allein in der Wüste umher spazieren, desillusioniert, gelangweilt, leer, aggressiv, voller Trauer, depressiv.

In Träumen erlebst Du vielleicht Verfolgung, Mord und Totschlag oder Wasserträume (Kontakt mit dem Unbewussten/Emotionen).

Bei mir zeigten sich auch alte Themen aus der Pubertät oder meinen 20ern: Tanzprüfungen nicht zu bestehen, ausgelacht zu werden oder auch ‘Nacktträume’, in denen ich halbnackt oder zum Beispiel in Unterhose in die Öffentlichkeit gehe. Letzteres verbindet die Traumdeutung damit, dass ich beginne versteckte oder tiefere Schichten von mir zu erforschen und zu zeigen. 😉

Ein scheinbar plötzliches Desinteresse an Partnerschaft, Karriere oder Freundschaften ist in diesen Zeiten auch möglich. 

Was kann ich tun? Wie kann ich damit umgehen? 

Es ist fühlt sich oft gut an, wenn nach einer gefühlten Phase der Leere oder einem deprimiert sein, alle möglichen Ideen auftauchen (neue/alte Hobbies, Abenteuer, ganz neu anfangen/Familie verlassen). Hier kann auch durchaus etwas dabei sein, dass wichtig für Dein zukünftiges Leben sein wird, aber… warte….!

Zu Beginn der Loslösungsphase  ist dies meist ein Versuch Dich abzulenken oder schnell wieder ‘Lösungen’ finden zu wollen. Verständlich, menschlich, aber Teil einer alten, angelernten Strategie und ein Versuch wieder ‘die Alte/der Alte’ zu werden. Empfehlung: Erstmal inne halten, aushalten, einlassen. In dem Buch ‘Betwixt & Between’, schreiben Jan und Murray Stein:

In der Loslösungsphase, in der es zur Auflösung von inneren Strukturen kommt, die zuvor Ambitionen, Pflichten, Interessen und Selbstbild bestimmten, sind extreme Stimmungschwankungen zwischen totaler Leere und Depression und einem plötzlichen High zu erwarten. Was passiert hier? Das Ego wird von seiner  früheren Anhaftungen getrennt, was kurzzeitig für das leere oder deprimierte Gefühl sorgt, versucht sich dann aber an neue Inhalte anzuhaften, die wiederrum für eine kurzzeitige Euphorie sorgen. (Aus Betwixt & Between, Anmerkung: Übersetzung und Zusammenfassung v. K. Kelly)

Vertraue! Es gibt (erstmal) keine konkreten Antworten und genau das ist die Chance. Daran kann sich Dein Verstand oder innerer Kritiker, der sozusagen den Vorsitz für die Aufrechterhaltung der Persönlichkeits-maske hat, richtig daran abarbeiten, wie an Sandpapier.

Nach über 20 Jahren Körper – und Selbstentfaltungsarbeit weiss ich: Das Beste ist Dich diesem Zustand hinzugeben. Ich nenne das manchmal auch ‘in Deiner eigenen Suppe sitzen’, denn es ist ein herausfordernder, kreativer Prozess. Wie in einem künstlerischen Prozess beginnst Du erst in dem Moment ‘das grosse Ganze zu sehen’, wenn Du loslässt und Dich ein-lässt.

Als ich mein Bild malte und die Trauer zuliess schrieb ich Folgendes auf und das möchte ich auch Dir ans Herz legen:

“Ich möchte mich während dieser Phase wertschätzen. Mir Zeit geben. Fluktuationen bewusst durchleben – wie Geburtswehen. Mich wirklich auf diese Phase einlassen auch wenn ich Angst spüre, aber ich möchte bewusst spüren, welche Frau in mir da geboren werden möchte. Ich bin neugierig auf diese Frau!”

Letztendlich ist also nicht das, was Du in dieser Phase tust entscheidend, sondern wie Du da bist. Genau da wo Du gerade stehst. Wie Du in Kontakt damit bist: Bewerte den Zustand nicht. Durch Bewertung schneidest Du Dich von Dir ab. Spüre Dich! Begehe bewusst Rituale, mit denen Du zum Beispiel Deine Vergangenheit ehrst…und dann loslässt.

Dies wird sich unweigerlich auch darauf auswirken was Du tust oder verändern wirst, wenn die Zeit reif ist. Letzteres wird sich dann wie von allein ergeben und wird nicht aus einer mit Eile besetzten Euphorie heraus geschehen, sondern aus einer klaren Ruhe. Aus dem sich ein – und überlassen entsteht stimmige Aktivität.

Die Belohnung: Die Phase der Re-Integration. 

Dazu schreiben Jan und Murray Stein:

In der finalen Phase der Re-Integration berichten Menschen von einem graduell wachsendem Gefühl von Klarheit darüber wer sie sind und was sie tun möchten…Hand in Hand mit dieser neuen Klarheit, geht die Integration von vorher nach aussen projizierten Aspekten des Selbst: Das was noch furchterregend, unbekannt oder unangenehm war, ist nun in das neue Bewusstsein integriert.” (aus Betwixt&Between, Übersetzung: K. Kelly)

Für mich beschreibt es sich wie folgt am Besten: Ich bin (physisch) noch genau da, wo ich vorher war, aber innerlich habe ich durch diesen Prozess die Spur gewechselt; sprich’ ich bin mit einer anderen, integrierteren Qualität und Präsenz da. Bestimmte Muster verabschieden sich und ich habe mehr Zugang zu meinem Wesen.

Zum Beispiel reagiere ich mit viel mehr Gelassenheit und vor allem auch Humor! auf Situationen, die mich zuvor geängstigt hätten und/oder die meinen inneren Kritiker auf den Plan gerufen hätten und mich daher defensiv oder gekränkt hätten reagieren lassen, denn da gab’ es meine ‘Persönlichkeitsmaske’ noch zu verteidigen.

In der Re-Integration kannst Du viel voller und freier in der Welt sein. Du spürst dann einfach Deinen Wert, wertvoll zu sein, ohne das Du das bei anderen suchen musst. Der gefühlte Mangel, der durch das zuvor Weggedrückte in Dir entstanden ist, gibt es nicht mehr oder kaum noch.

Ich hoffe, dass ich ein wenig Einsicht in diese wichtigen Wachstums-und Wandlungsphasen geben und Dich ermutigen konnte diesen liminalen Raum, in dem Du ‘nur’ noch ein atmender, spürender Mensch bist ohne Status, Attribute und/oder Funktionen zu erforschen.

Bleib’ liebevoll an Dir dran! Alles Liebe, Katrin Kelly