Raus aus der Traumablase oder wie sich Abgespaltenes zeigen kann – eine Erfahrung.

Januar 12th, 2020

 

Der körperorientierte Prozess, in dem sich abgespaltenes Material, welches in unserem Körper gespeichert ist und zu dem wir zuvor keinen Zugang hatten, zeigt und löst, hat seine ganz eigene nicht-lineare Dynamik. Sprich’, selbst wenn wir kognitiv wissen welche Themen sich dort scheinbar verbarrikadieren, können wir sie nicht über Worte und dem (Kopf-)Willen erreichen. Wir können darüber sprechen und die Erkenntnisse, die wir hier erlangen können durchaus auch unterstützend und erhellend sein, aber ganz lösen um ein ganz neues Erleben unseres Selbst zu erfahren, geht so nicht.

Neurobiologisch lässt sich das ganz einfach so erklären, dass sich Erfahrungen, die für ein System traumatisch waren, in der rechten Gehirnhälfte gespeichert werden – dort hat unser Sprachzentrum kein Zugriff. Es ist non – bzw. pre-verbal, denn viele gespeicherte Erfahrungen führen auch zurück in unsere vorsprachliche, frühe Zeit: Kleinkindalter, Baby, vorgeburtliches Sein bis zur Empfängnis.

Maarten Aalberse, Traumatherapeut, schreibt dazu zum Beispiel:

“Man hat festgestellt, dass bei Personen mit ungelöstem traumbedingtem Stress Teile der linken Hirnhälfte (jene, die mit Sprache in Zusammenhang stehen) ‘still’ sind, wenn die betroffenen Personen an ihr Trauma denken. Dies könnte erklären, warum es oft so wenig wirksam ist Worte und logisches Verständnis zur Heilung zu verwenden…”

Oder noch einmal anders: Diese prägenden Erfahrungen sind im sogenannten impliziten Gedächtnis gespeichert:

Das implizite Gedächtnis ist jener Teil des Gedächtnisses, der sich auf Erleben und Verhalten des Menschen auswirkt, ohne dabei ins Bewusstsein zu treten.Der Begriff dient der Abgrenzung zum expliziten Gedächtnis, das unter anderem das autobiographische oder Episodengedächtnis enthält, also Gedächtnisinhalte, über die verbal berichtet werden kann.

Wir können uns aber für einen Weg entscheiden, der einen Boden für eine Öffnung ermöglichen könnte – und zwar über alle körper-orientierten/erlebnisorientierten ‘Methoden’, die uns unterstützen durch und in unserem Körper zu leben. (Embodiment)                                              

Wenn wir uns selbst gewahr sind, erfahren wir uns, spüren wir uns und damit auch das, was dort vielleicht im Verborgenen wirkt. Du merkst: Es ist ein Weg, der Schritt für Schritt gegangen werden möchte. Der Kopf möchte schnelle Lösungen. Der Körper ist Partner des Lebens: Es möchte vollständig erlebt werden – dies ist prozessorientiert nicht, in erster Linie, lösungsorientiert.

Es folgt ein Erlebensbericht, um diesen Erfahrungszustand einmal anders  als nur durch ‘Wissen’ erklären zu wollen, sondern ein stückweit selbst einzutauchen. Dadurch findest Du Dich vielleicht dort wieder oder etwas wird Dir klarer. Zum Beispiel, wie es, das abgespaltene Material, sich bewegt, abwartet, versucht der Lösung zu entgehen (und warum) und um sich dann letztendlich über und in den Körper zu ergiessen, damit Transformation & Integration geschehen kann:

“Ich erwache aus einem kurzen Schlaf ohne wirklich gespürt zu haben, dass ich schlafe. Ich erwache schockartig und mit einem Atemzug, der mir sagt, dass ich länger den Atem angehalten haben muss.

Ich weiss, mein Kopf weiss, dass ich wach bin, aber ich spüre es nicht. Im Kopf: Panik.  Mein Herz hämmert hart in meiner Brust und ich nehme seine gewaltige Anstrengung wahr mich in diesen Körper zu ziehen, aber ich hänge grösstenteils ausser mir – wie in einem Ballon oder einer Blase; so hängt der Rest von mir mit einem Faden angebunden an meinem Körper. Panik im Kopf. Ich bewege meine Füsse, meine Hände, meine Beine und Arme – das geht, aber ich bin nicht drin.

Da ich diesen Zustand kenne, lässt die Panik im Kopf nach. Ich bin da und doch nicht. Ich bin am Leben, aber nicht im Leben. Das Körpererleben ist komplett reduziert auf eine Art Funktionieren: Ich kann sehen, hören, schmecken, mich bewegen, aber es ist monoton. Andere Menschen, die Ähnliches erleben, beschreiben es mir als ein Gefühl der Trennung ; als sei man vom echten Leben durch eine Wand oder einen dichten Nebel getrennt.

Zuvor gab’ es Streit, aber davor gab’ es Körper-Erinnerungen aus der Kindheit, nächtliches Träumen mit Erinnerungen. Nichts wirklich kognitiv Greifbares. Aber es hat wohl etwas angetriggert.

Auf der meta-Ebene, ist mir irgendwie klar, dass es Streit gibt, weil der Teil in mir, der den Schmerz nicht spüren möchte noch versucht diesen ins AUSSEN, an jemand anderen abzuschieben; durch einen Streit etwas zu verarbeiten oder besser etwas loszuwerden. Das klappt natürlich nicht wirklich; verstärkt den Trigger und die Isolation eher. 

Dann: Allein. Schweigen. Die Blase saugt mich ganz in sich rein. Ich sitze stundenlang so da. Bin mit dem weg-sein da.

Später gehen meine Beine an den Strand. Meine Augen sehen seine Schönheit, aber meine Maschine ist abgeschaltet, denn wenn die Blase den Schmerz absorbiert um mich zu schützen, absorbiert sie leider auch alle guten Gefühle. Alles was Dich und mich zu einem lebendigen, blühenden Menschen macht.

Die Blase und der Rest von mir, den wir Katrin, Melanie, Martin oder Thorsten nennen hangeln sich zombiemässig, aber still durch den Tag. Bis zum Abend.

Etwas später und genauso unvermittelt wie mein Erwachen aus dem Schlaf, öffnet sich die Blase und entleert ihren Inhalt in mich, in meinen Körper rein.

Der (körperliche) Schmerz, den ich nun spüre zerreisst mich fast. Mein Körper und seine Erinnerungen übernehmen nun das Kommando: Lautes Schluchzen wippt meinen Oberkörper ruckartig vor und zurück; Tränen wie Sturzbäche; meine Beine zittern. Ein Schrei fährt aus mir heraus. Ich lasse geschehen.

Erinnerungsfetzen tauchen als Worte und Bilder ab und an auf. Nichts das ich kognitiv hätte produzieren oder vorbereiten können. Es kommt aus meinem Körper nicht aus meinem Kopf.

Der Schmerz und die Scham ist so gross und wenn ich es durch viel Erfahrung und Ausbildungen nicht besser wüsste, nicht vorbereitet wäre, würde ich, würde es, fliehen wollen; hätte die Blase, die alles Lebendige, aber eben auch den Schmerz und die Scham absorbiert, sich vielleicht nicht entladen, wäre das Abgespaltene also nicht spür – und daher erfahrbar und daher integrierbar geworden. Wäre ich also wieder rausgegangen und mein Körper wäre wieder hart geworden.

Ich gehe zu Bett. Roh wie ein Ei, ganz verletzlich, aber auch ganz da.Ich träume über Geburten, muss mich in diesem Traum durch einen ganz engen Kanal drücken. Panik. Jemand ist da und sagt: “Der Raum dahinter ist ganz weit. Du schaffst das.” Ich mache es….

Am nächsten Morgen fühle ich mich vollständig, ganz in meinem Körper drin. Es ist ein unglaubliches Gefühl ganz da zu sein und wieder zu beginnen zu fühlen; aus meiner Verkörperung heraus zu leben. Von Schwarz-Weiss zu Vollfarbig. Ohne Distanz zum Leben.

Ich persönlich glaube, dass die meisten Menschen zu unterschiedlichen Zeiten oder vielleicht auch ein Leben lang unterschiedliche Grade von Dissoziation (er-)leben. Es gibt vielleicht sogar Menschen, die nie wirklich ganz da sind, aber ein sehr ‘erfolgreiches Leben’ führen – mit Job, mit Haus, mit Familie….allem drum und dran, aber dann irgendwann feststellen: “Ich spüre nichts. Ich kann sagen, dass ich meine Kinder liebe, aber ich spüre nichts.” Sobald sie dies bemerken, beginnt der Weg – raus aus der Dissoziation. Die Blase transparenter werden lassen.

Die Blase (wie ich es nenne) erscheint wenn wir Erfahrungen machen, die so schmerzhaft sind, dass unser Reptiliengehirn auf ‘tot stellen’ schaltet bzw. wir etwas abspalten um Schmerz, Scham oder Überforderung mit eigentlich einhergehender Hilflosigkeit nicht spüren zu müssen, denn diese Empfindungen sind besonders in frühen Jahren gefühlt gleichbedeutend mit Vernichtung.

Menschen, die zum Beispiel Opfer von Gewalt werden (Vergewaltigung, Überfall, Mobbing…), können davon berichten: Es ist als würden sie ausser sich stehen und dem Geschehen von einem anderen Ort aus zu-sehen oder sich auf etwas völlig anderes konzentrieren, zum Beispiel auf einen Schrank im Zimmer, eine Blume etc. Auch Zeit verschwindet und es wird später schwer zu beschreiben wie viel (lineare) Zeit vergangen ist, denn in der Blase gibt es dieses Art von Zeit nicht. Leider kommen wir nicht – wie Tiere – nach dem Geschehen sofort wieder aus der Blase raus.

Aber wie gesagt, es gibt auch weniger ‘traumatisch wirkende’ Situationen, die wir (zu) schnell als bedeutungslos abtun, aber die in uns wirken. Wir alle haben zum Beispiel mit Entwicklungstraumata zu tun: Durch Ambivalenz der Mutter zur Schwangerschaft, durch Geburtstraumata, durch traumatisierte Eltern oder Ahnen; einfach durch mangelnde Empathie oder Kälte oder durch absorbierende Dynamiken, in denen das Kind einen ‘gefühlten Mangel’ im Elternteil füllen soll. Hier reicht es zum Beispiel schon, dass ein Vater nicht mit der (beginnenden) Sexualität der Töchter klar kommt und verbal und energetisch übergriffig und beschämend wirkt ohne es vielleicht selbst zu bemerken bzw. es zu bemerken und es für sich auszuhalten statt es an seine Töchter ‘zu schieben’. Hier kann sich bei Töchtern über ein unbewusstes Gefühl von ‘das ist falsch’ so wie einem dazu gehörigen Gefühl von Scham/Ekel eine (eingefrorene) Blockade entwickeln.

Letzteres wird sich in Deinem Leben in Situationen, in denen sich der frühe Anteil überfordert fühlt immer wieder melden – durch Symptome, durch Dissoziation, durch Panik…als Möglichkeit diese ‘alte Wunde’ wahrzunehmen und zu heilen, aber davor haben wir als ‘Erwachsene’ oft grosse Angst. Barbara Sher schreibt dazu:

(…) adults are really afraid what will overwhelm them is a broken heart. They are afraid the pain will flood them and they’ll drown in it. But the flood can save them. In fact, nothing else will make stress disappear.”

In diesem Sinne, hoffe, dass Du aus diesem Bericht etwas für Dich gewinnen konntest. Zum Beispiel zu spüren, dass es Wege aus der Dissoziation gibt, zum Beispiel, dass diese Wege zwar manchmal heftig erscheinen, aber dass es genau diese Flut ist, die Dich ‘retten’ wird.

Alles Liebe,

Katrin Kelly