Schattenland: Das (hochsensible) Kind als Spiegel (der Eltern)…oder der Ausstieg aus der Mittrager Dynamik.

November 2nd, 2019

 

Als Teenager schrieb’ ich in mein Tagebuch: “Ich habe keine Angst vor Menschen, aber ich fürchte ihre Projektionen, denn in der Projektion existiere ich gar nicht.”

Ohne es zu wissen oder bis zu diesem Zeitpunkt jemals etwas über Übertragung und Gegenübertragung gehört zu haben, hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon etwas fundamental Wichtiges unseres Mensch-Seins begriffen: Das ich, das wir, in dieser Dynamik nicht wirklich existieren bzw. nur verzerrt wahrgenommen werden und wir im Gegenzug blind für die Individualität unseres gegenüber werden.

Über Projektionen versuchen Menschen das, was sie in sich selbst abgespalten haben (‘den Schatten’), auf andere zu übertragen. So müssen sie es selbst nicht fühlen. Aber dabei projizieren sie natürlich ein Bild (ihres Schattens) auf die andere Person, wodurch diese in ihrem Wesen und ihrer Individualität unsichtbar wird. So kämpfen sie im Grunde mit Schatten im Spiegel, glauben aber das Problem ist die andere Person oder eine gewisse Gesellschaftsstruktur. Ein Kind bzw. ein hochsensibler Mensch spürt und spiegelt diese Dynamiken….und entwickelt Strategien, also ein Verhalten, das die Projektionen oftmals ‘mitträgt’; oftmals auf Kosten der eigenen Grösse und Individualität. Denn wer mitträgt, muss keine ‘Ablehnung’, keine ‘Aggression’ erleben. Wer dagegen bewusst oder unbewusst den Mut hat aufzudecken, anzusprechen, wie das besonders bei Hochsensiblen der Fall ist, wird zum ‘schwarzen Schaf’, wird evtl. angefeindet. Dies erleben wir auch immer wieder im Makrokosmos der Gesellschaft.

ZU DEN BILDERN- von re nach li: SCHWARZES MATERIAL = SCHATTEN/ALTE WUNDE, die weggedrückt wurde, wird auf das gegenüber projiziert und von ihm absorbiert oder wie ich es nenne mitgetragen. Bild 2 nochmal anders um zu zeigen, dass wir unser gegenüber gar nicht wirklich sehen, wenn wir projizieren. Wir sehen unseren Schatten und fragen: ‘Warum bist Du so’ etc.

Die Angst, von der ich in meinem Tagebuch sprach, rührte von meinen dazu gehörigen Ohnmachtsgefühlen bzw. dem ausgesetzt zu sein – denn wenn ein Mensch gerade in der Projektion ist, gibt es nichts, was man tun könnte. Zumindest fühlt es sich als Kind so an. Als Erwachsener, der gut und selbstreflektiert bei sich ist und bemerkt was passiert, kannst Du die Projektion einfach (für Dich) nicht annehmen: Du steigst nicht darauf ein, Du entfernst Dich oder schweigst, so dass die Person mit sich selbst und dem ‘eigenen Material’ zurück bleibt; oder Du traust Dich sogar dies laut und klar auszusprechen: “Papa (oder Person X), ich sehe dass Du wütend/traurig bist, aber diese Geschichte, die Du da ständig wiederholst verstehe ich nicht und ich weiss auch nicht mehr was ich dazu sagen soll…” oder “Ich werde in Zukunft nicht mehr über Papa mit Dir sprechen. Das ist nicht meine Aufgabe.”

Wenn Du diese Klarheit für Dich gewonnen hast, kann das extrem befreiend sein. Ein Weg Dich selbst ohne die mitgetragenen Schatten zu spüren. Für mich bedeutet das zum Beispiel, dass meine Über-ängstlichkeit so wie ein riesiger Druck, unter dem ich die ganze Zeit stand und der körperlich fast immer spürbar war sich so gut wie aufgelöst hat. Wie ein dichter Nebel. Dahinter: Ich. So wie ich bin. Mutiger. Freudvoller. Zu meiner Intelligenz stehend. Wütender. Mensch eben.

Ja, ich habe auch noch Wunden (ich bin MENSCH – wir sind ewig Verwundete!), aber das ist ok. Damit kann ich da sein. Ich übernehme die Verantwortung! für meinen eigenen Schatten, denn hier liegt auch mein königlicher Heilungsweg. Und das ist der Clue: Die Verantwortung für das eigene ‘Material’, das eigene Leben zu übernehmen!

Es ist gut es, den Weg zu sich selbst ‘anzupacken’, denn die selben Muster wiederholen wir oft in späteren Partnerschaften, in dem verzweifelten, (bewussten oder unbewussten) Versuch diese Wunde zu heilen. Wenn wir darum wissen kann vieles viel leichter und auch humorvoller werden.

Aber nicht nur in Beziehung mit anderen Menschen kann sich dies zeigen, sondern auch in Bezug auf andere Lebensbereiche oder gesellschaftliche Strukturen: Einige meiner KlientInnen duckten sich vor gewissen (Ausbildungs – oder Arbeitsstrukturen) obwohl sie spürten, dass es gut für Ihren Lebensweg wäre. Dahinter liegt oft das ‘alte’, tief in den Körper geschriebene Gefühl: “Hier darf ich wieder nicht mein Eigenes zeigen oder hier darf ich wieder nicht so sein wie ich bin und muss mittragen..”   Wenn wir das im Hier & Jetzt begreifen und lösen, steht der Entfaltung – beruflich und privat – nichts mehr im Wege.

Für Kinder fühlt sich die Projektion gefährlich an, denn sie sind von den sie umgebenden Menschen abhängig – was kann ich tun um das Gefährliche zu verhindern? Kinder rationalisieren nicht: “Ach so! Ja klar! Das ist ja Mama’s oder Papa’s oder Oma’s Problem. Alles klar. Mama ist nur gereist mit mir, weil sie eigentlich überfordert ist und vielleicht kein 2.Kind hätte bekommen sollen….Ich kann mich hier total entspannen, denn es hat ja nichts mit mir zu tun….!” Nein. Es kommt 1:1 bei ihnen an. Das Kind nimmt 1:1 wahr. Es ‘atmet’ seine Umgebung. Anfänglich entspricht das Nervensystem des Kindes dem der Mutter (der Umgebung). Damit meine ich nicht, dass man nun jeden Satz, jede tat auf die Goldwaage legen muss – es geht hier um grundlegende Muster.

Viele meiner hochsensiblen KlientInnen kennen das: Das, was man als Kind dann oft tut, ist sich ein Verhalten anzugewöhnen, das den Schatten der Eltern nicht triggert. Zum Beispiel zu ‘helfen’, zu ‘puffern’, auf-zufangen, zuzuhören oder zum Beispiel auch krank zu sein (denn dann bin ich für X nicht zu viel, sondern es wird sich um mich gekümmert)  – also den Schatten, den man zum Beispiel bei den Eltern, in der Familiendynamik wahrnimmt förmlich ‘zu schlucken’ und still mit zu tragen, damit nichts passiert und man selbst in Sicherheit ist.

Beispiele

Warum ist er nur so? 

Eine Mutter erzählte mir, dass sie die ersten Jahre nach der Geburt ihres Sohnes immer nur dachte: “Warum ist er (der Sohn) so anstrengend? Als wenn er das extra machen würde – es machte mich so wütend. Bis ich bemerkte, dass das eigentlich zu mir und gar nicht zu ihm gehört. Er ist nur ein Kind. Und dann sagte mein Sohn zu mir: Mama, ich will Dir helfen.”

Ihr Sohn spiegelte ihr nur ihre eigene Angst und Anstrengung und damit auch die abgespaltenen Anteile und Gefühle, die dahinter liegen und die sie spürt, wenn sie die Projektion zurück nimmt: Verzweiflung, Überforderung, weggedrückte Sensibilität, Angst etc.

Fatigue Syndrom bei Teenager

Eine Mutter meldete sich bei mir, weil sie gern eine Sitzung für ihren Sohn hätte. Der Sohn leide an depressiven Verstimmungen, ist nur noch müde, würde nicht mehr raus gehen. Ich habe den Sohn behandelt, aber spürte, dass da etwas anderes los ist. Der Sohn ist erschöpft, weil er das Abgespaltene der Mutter (bzw. der Familiendynamik) trägt, denn die Mutter war im Grunde selbst zutiefst erschöpft, aber lebte nach Aussen das angelernte Leistungsprinzip weiter: Weiter machen, weiter funktionieren. Darunter gab’ es das totale ausgebrannt sein, Unausgesprochenes, Trauer, ungeliebte Qualitäten, Sehnsüchte. In der Behandlung des Sohnes fragte ich: “Was würde dieser Teil vielleicht sagen, wenn er sprechen könnte?” “Ich kann nicht mehr.” – Ja, genau! Da sprach die Mama.

Kurz darauf behandelte ich die Mutter und da sie sehr offen dafür war und selbst spürte, dass es auch ihre eigene Entwicklung hemmt, riet ich ihr ‘nicht mehr auf dem Sohn zu sitzen.’ Gefühlt ist es so, als wenn die Eltern den Atem anhalten und mit angestrengtem Fokus nur auf und in ihr Kind schauen; energetisch ist das, als wenn sie gar nicht bei sich und in ihrem Körper sind, sondern in das Kind reingehen. Schon wenn ich dies schreibe spüre ich die Enge. 

Unbewusst erwartete sie von ihrem Kind ein Verhalten, nach dem sie sich selbst sehnte: Leichtigkeit, Freude, Kommunikation…aber das ‘Kind’ kann selten den ersten Schritt machen, denn: Es ist das Kind.

Sie begann wieder etwas alleine oder mit ihrem Mann zu unternehmen so wie Verantwortlichkeiten ganz bewusst an ihren Sohn abzugeben. Zu diesem Zeitpunkt war der Sohn nämlich nicht einmal in der Lage die scheinbar leichtesten Entscheidungen zu treffen, weil ihm zuvor im Grunde jede Entscheidung abgenommen worden war. 

Schon kurze Zeit später berichtete mir die Mutter, dass ihr Sohn wieder rausgehe und mehr mit Freunden unternehme. Sie selbst begann wieder zu tanzen und andere Hobbys aufzunehmen und wenn er um Rat fragte, sagte sie zum Beispiel: “Das entscheidest Du.” So vermittelt sie ihrem Kind durch gelebte Beziehung und nicht durch Er-ziehung: “Ich glaube an Dich. Ich vertraue Dir. Du kannst das!” Das macht Kinder stark und verleiht Flügel.

Die Mutter war so erleichtert, denn auch in ihr eigenes Leben zog die Freude ein. Aber es zeigten sich natürlich auch die Themen, die sie zu bearbeiten hat und wo das ‘Ich kann nicht mehr’, das ihre Tochter zuvor (für sie) ausgesprochen hatte, sich zeigte; u.a. auch durch verstärkte körperliche Symptome (Rückenschmerzen, Bandscheibenprotusion).

Essstörung

Aus meinem Tagebuch: “Wenn ich die Projektion annehme ist es als würde meine eigene Existenz absorbiert oder als würde ich von einer dunklen Blase verschluckt werden, denn in der Projektion existiere ich nicht.”

Eine Essstörung kann wie ein letzter Versuch sein, sich selbst zu spüren bzw. vor der Projektion und damit vor der Absorption/Introjektion zu flüchten: Ich mache mich weg (denn mein eigenes ich hat hier keinen Raum)….aber wenigstens habe ich die Kontrolle darüber. 

Ausschnitt aus einer Sitzung:

Wir arbeiten mit dem inneren Kind der Klientin. Es zeigt sich folgende Erinnerung:

“Meine Mutter sitzt vor meinem Zimmer und liest, weil ich abends Angst hatte alleine einzuschlafen…eigentlich sollte sich das doch gut anfühlen, aber es fühlt sich an wie eine Last.”

Wie wäre es wenn Du Dir vorstellst die Tür zuzumachen? Erleichternd.

Dann entsteht in mir die Frage: Wer hat Angst, dass Du wieder handlungsfähig wirst? Du oder Deine Mutter?

Meine Mutter.

Es entsteht viel Aufregung in ihrem Körper, nachdem sie das ausgesprochen hat.

Dann sieht sie ein Bild: Ich stehe da mit meiner Mutter. Die Aufregung  und Angst gehört zu meiner Mutter….aber ich bekomme auch Angst. Ich frage: Wie wäre es wenn Du als die Erwachsene/die Grosse in die Situation/in das Bild trittst?

Dann entsteht ein Vorwurf. Aber meine Mutter kann den gar nicht annehmen, weil sie dazu gar nicht in der Lage ist, denn sie ist selbst wie ein Kind; dadurch kommt der Vorwurf wie ein Bumerang zu ihr zurück und sie fühlt die Verantwortung und spürt jetzt ganz klar wie die Schuldgefühle entstanden sind. Der Vorwurf kommt zurück und wird zu: “Ich bin schuld, wenn Mama sich schlecht fühlt.”

Wer ist das Kind, wer ist die Erwachsene?

“Was wäre vielleicht gebraucht, so dass Deine Mutter die Verantwortung übernehmen kann?”

“Ich weiss nicht…” Sie spürt weiter nach und sieht dann wie ihre Mutter das Buch zuklappt, aufsteht und nach unten zu ihrem Vater geht. Man spürt die Erleichterung und das sich jetzt energetisch etwas an den rechten Platz rückt.

Es hört sich so an als wäre Deine Mutter jetzt an dem richtigen Platz?

Ja.

Abschliessend ist zu sagen…

Wenn Du erwachsen bist (= wach bist) und Dich hier wieder erkennst ist es gut, mutig die Verantwortung für Dein Leben, Deine Aktionen und vor allem für Deinen eigenen Schatten zu übernehmen, statt nach einer Phase der Erkenntnis nun zu erwarten, dass die Eltern (oder andere) den ersten Schritt der Bewusstwerdung und damit Heilung gehen. Versuchen wir dies einzufordern, drehen wir den Spiess einfach nur um und bleiben in dem Drama von Übertragung und Gegenübertragung stecken und wiederholen das Ganze. Wir bleiben in der Opfer-Täter Haltung. Das ist nicht der Weg zum Licht und zu unserem vollen Potential.

Wir sind Menschen und damit sind wir einfach schon Verwundete, Gestrandete. Ich persönlich glaube, dass wir in unserer ‘Wunde’, also unserer ganz eigenen Geschichte, auch unser grösstes Potential finden, aber wir brauchen ein wenig Disziplin und Mut uns wirklich einzulassen.

Schon Rumi sagte:

” Look at the bandaged place, that is where the light comes in!”

 

Alles Liebe. Katrin K.